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Sprachlos in Palästina

Sprachlos in Palästina

Über die jordanisch-israelische Grenze

Um 7:30 Uhr erreiche ich das jordanisch-israelische Grenzgebiet. Im Grenzhäuschen warte ich eine halbe Stunde bis sich die Schalter öffnen. Während eine chaotische Abfertigung folgt, lerne ich zwei nette Australier kennen. Gemeinsam fährt uns der Bus, der uns durch das Niemandsland über die King-Hussein/ Allenby-Brücke fahren sollte, vor der Nase weg. Im Schatten einer Pflanze warten wir auf den nächsten. Der Japaner neben mir im Bus hat bei seiner Einreise nach Jordanien offenbar keinen Stempel erhalten. Vor der Brücke halten wir nochmals, um seine Identität checken zu lassen. An der israelischen Grenze werden unsere Gepäckstücke direkt durchgecheckt auf die andere Seite. An zwei Schaltern muss ich meinen Pass präsentieren. Am ersten werde ich nach meinem Vornamen gefragt. Der Mann am zweiten Schalter will wissen, wo ich in Israel unterkomme, woher ich Hagar kenne und ob ich plane, in die West Bank zu fahren. Ich antworte, ich wolle mir auf einer Tagestour Bethlehem ansehen. Während ich das israelische Visum einfach bekomme, beobachte ich, wie einer der Australier bereits seit über 20 Minuten befragt wird und sich hinter ihm am Schalter eine lange Schlange bildet. Ich nehme einen Bus nach Jericho. Dort passiere ich die palästinensische Grenze und steige in den nächsten Bus nach Nablus. Neben mir sitzt eine freundliche, moderne Familie im Bus, von deren Handy aus ich Samir anrufen darf. Samir kenne ich noch nicht, habe mir aber eine Unterkunft über Couchsurfing bei ihm organisiert.

Zu dieser Reise gibt’s was auf die Ohren: Traditionelle palästinensische Musik
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Ankunft in Nablus

Bei meiner Ankunft in Nablus holt Samir mich ab. Er spricht gutes Englisch. Mein erster Eindruck von ihm ist dennoch eher beunruhigend: Anstatt mir einen meiner Rucksäcke abzunehmen und mir den Weg zu zeigen, lässt er mich anhand seiner mir geschriebenen Wegbeschreibung sein Haus suchen. Das ganze bezeichnet er als Spiel. Samir hat eine seltsame Mimik. Nach der Hälfte des Wegs lässt er mich anhalten, um mir die Himmelsrichtungen zu erklären, während ich mit meinen zwei Taschen vorne und hinten in der prallen Sonne stehe und schwitze. Als ich sein Haus endlich gefunden habe, gehen wir in den zweiten Stock hinauf. Vom Balkon des Innenhofs aus betreten wir eine spartanisch orientalisch eingerichtete Wohnung. Das Bad besitzt keine Dusche, die Küche verfügt über einen Gaskocher und einen elektrischen Tischofen. Ich darf auf einem roten Samtsofa schlafen. Samir bereitet uns Tee und serviert Brot mit Za’atar. Er erzählt mir, dass er keine Freunde habe, dass er sich letztes Jahr nach 28 Tagen Ehe habe scheiden lassen und dass seine Cousine letztes Jahr starb. Nun tut er mir Leid. Samir ist sehr freundlich und erklärt mir die gesamte Historie von Palästina und Israel aus seiner Sicht. Ich verstehe ihn, werde traurig und wütend auf die israelische Politik.

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Das Leben in Nablus

Samir geht am Nachmittag zur Arbeit und ich entscheide, zu Haus zu bleiben um seine Familie kennenzulernen. Seine Mutter spricht kaum, und wenn dann nur arabisch. Sie näht den ganzen Abend lang Gardinen und atmet quasi nur Zigarettenrauch. Sie zündet sich eine Zigarette an und behält sie dann zwischen ihren Lippen bis sie komplett runtergebrannt ist. Dass die Asche dabei regelmäßig auf ihre Gardinen fällt, scheint sie nicht zu stören. Samirs Vater besitzt nur noch einen vorstehenden Schneidezahn und lacht so herzlich, dass ich jedes Mal auch lache, selbst wenn ich den Witz nicht verstanden habe. Der Vater und ich unterhalten uns mit Händen und Füßen, während er gebannt einen Ringkampf im Fernsehen beobachtet. Samirs eine Tante lebt in Amman und ist gerade zu Besuch hier in Nablus. Sie spricht viel mit mir. Seine andere Tante raucht den ganzen Abend lang mit mir Wasserpfeife. Wir essen gefüllte Weinblätter, gefüllte Zucchini und Knafe zum Nachtisch. Danach gibt es weiterhin viel Tee, Kaffee und Shisha. Samirs Bruder spricht ein paar Brocken Englisch. Morgen werden ihm die Weisheitszähne gezogen. Die Familie erzählt mir, dass es bei ihnen häufig für mehrere Tage kein Wasser gebe, weil die Israelis es ihnen abzapfen. Es gebe kein 3G-Internet, maximal und wenn überhaupt 2G. Sie besäßen ein Haus in Jaffa, doch das gehöre längst irgendwelchen Israelis. Sie könnten nichts machen. Wir unterhalten uns über meine Kultur und über ihre. Es ist alles unglaublich spannend.

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Moscheen und Minarette

Am Abend kommt Samir zurück und wir gehen noch spazieren. Den Park schmückt ein Amphitheater. Links und rechts vom Park leuchtet Nablus auf den Hängen seiner beiden Berge. Viele grüne Lichter weisen auf Moscheen hin. Ich denke daran, wie Samir am Nachmittag nach Osten betete. Der Guard des Parks lädt uns auf einen Tee ein. Er hat zwei Jahre in China gelebt und spricht gut Englisch. Vielleicht wird er ja bald Samirs Freund. Vielleicht ist Samir auch eigentlich schwul? Immerhin hatte er viele Probleme mit seiner Frau und sagt, er sei noch nie in eine Frau verliebt gewesen.

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Gebetsruf als Wecker

Die rote Samtcouch ist bequem. Von Mücken zerstochen wache ich um vier Uhr in der Früh durch den Gesang des Imams auf, der aus den Minaretten in die Wohnung schallt. Gegen sieben Uhr kommt Samirs Mutter ins Zimmer um etwas zu suchen. Im Halbschlaf erschrecke ich mich. Privatsphäre ist hier ein Fremdwort. Ich fülle einen Eimer mit Wasser und schütte es im Bad becherweise über mich und mein Haar. Zum Frühstück gibt es Knafe und Kaffee.

Vergebliche Suche nach Schulbüchern

Sameh und ich laufen durch die Straßen zum Bildungsinstitut Nablus. Er ist Lehrer und muss Bücher für seine Schüler kaufen. In den Geschäften am Straßenrand sehe ich Gewürze, Obst, Autozubehör, glitzernde Kleider. Vom Bildungsinstitut aus schickt man uns über die Straße in eine Jungenschule, die dieses Buch zum Verkauf anbietet. Mir ist es unangenehm, das Schulgelände zu betreten, doch alleine draußen zu warten erscheint mir ebenso unrichtig. Ich wünsche mir, Samir hätte mich hier nicht mit hingenommen. Es kommt wie erwartet und dutzende gaffende Jugendliche folgen uns und rufen mir hinterher. Kein Wunder, denn in dieser Stadt gibt es nahezu keinen Tourismus.

Reliquien der Intifada

Nach diesem unangenehmen Erlebnis laufen wir in Richtung Altstadt. Samir hat wie viele andere Palästinenser die Angewohnheit, mitten auf der Straße zu gehen, selbst wenn darauf das totale Chaos herrscht. Die Häuser der Altstadt erinnern mich an Marrakech. Spitze Torbögen, beige Steingemäuer, römische Amphitheater. An vielen Wänden hängen Fotos junger Männer, darunter arabische Schrift. Samir erzählt mir, dass es Mahnmale sind für palästinensische Zivilisten, die während der Intifadas oder der israelischen Invasion durch Explosionen oder einstürzende Gebäude ihr Leben verloren haben. Eine Gedenktafel hängt dort, wo früher eine Telefonzelle stand. Israelische Soldaten sollen sie in die Luft gesprengt haben. Das war vor 13 Jahren. Auf einem anderen Bild sehe ich eine ganze Familie, die unter den Trümmern ihres Hauses begraben wurde. All das betrübt mich. Samir erzählt mir, dass ein Verwandter von ihm mitgeholfen habe, Bomben zu bauen und dafür nun bereits seit zehn Jahren in einem israelischen Gefängnis säße. Samir hat selbst eine ganze Weile lang Propagandabotschaften der Hamaz an die Wände von Nablus gemalt. Ich denke, dass er Halt im Glauben findet, denn er hört den ganzen Tag Korantexte und sagt, es sei das Beste, was man sich anhören könne. Die Texte seien besser als Musik. Ich denke mir, dass er anfällig sein könnte für Radikalismus. Er erzählt mir, dass er zum Beginn seines Studiums das erste Mal mit einer Frau außerhalb seiner Familie gesprochen hätte. Nur ein paar Worte, denn er war schüchtern und der Koran sagt, dass Mann nicht mit fremden Frauen zu sprechen habe. Mit der Zeit habe er sich aber daran gewöhnt mit Frauen zu studieren und zu sprechen. Ausländerinnen seien sowieso etwas anderes und seine Gastfreundschaft gegenüber Reisenden sei ein Ersatz für den Mangel an Freunden. Seine Bereitschaft, Fremden über Couchsurfing eine Unterkunft bei sich zu bieten, nennt Samir ein Relikt aus den Zeiten, in denen viele Solidaritätsaktivisten nach Palästina kamen. Damals begann seine Familie, Fremde bei sich aufzunehmen.

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Der Suq von Nablus

Während ich in Gedanken noch bei den vielen Toten auf den Gedenktafeln bin, gelangen wir in den Suq. Köstliche Düfte nach Curry, Kardamom und Kaffee füllen meine Nase und bringen mich auf neue Gedanken. Ich kaufe Curry, Za’atar und Seife aus Olivenöl. Für letztere ist Nablus berühmt. Ich probiere eingelegtes Gemüse, unterhalte mich mit Händen und Füßen mit den Händlern. Es ist sehr voll und wuselig. Überall werden orientalische Kleider, Obst, Gemüse, Fleisch, Süßigkeiten, Wasserpfeifen, Porzellan und Gewürze angepriesen. Ich bin die einzige Ausländerin weit und breit. Auf dem Rückweg zu Samirs Haus besorgen wir noch Brot, Hummus, Falafel und frischen Mangosaft. Wir essen zusammen am Tisch mit den Händen. Es schmeckt wieder einmal fantastisch. Nur wird leider nicht auf Hygiene geachtet. Was auf den Boden fällt, legt Samir zurück in die Schüsseln. Mit seinen abgeleckten Fingern greift er Falafeln, Gurken, Brot und füllt so die Köstlichkeiten auf meinem Teller nach. Am Abend zeigt er mir stolz hunderte verschwommener Bilder von seiner Indien-Reise. Sein Vater schaut wie jeden Abend im Fernsehen einen Ringkampf an.

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Per Anhalter über die Grenze

Am Morgen meiner Weiterreise stehe ich früh auf. Nach einer erneuten Wasserbecherdusche packe ich meine Sachen, esse Brot mit Hummus und Falafel. Ich schreibe Samir einen Brief, verabschiede mich von seiner Mutter. Sie ist besorgt um Samir, wünscht sich, dass er wieder heiratet, doch seine erste Ehe hielt ja nur 28 Tage. Ich ziehe los zum Bushof, verlaufe mich. Wolken hängen über Nablus. Ich steige in einen Bus nach Al-Taybeh, muss für das letzte Stück jedoch ein Taxi nehmen. Am Grenzübergang angekommen wird mir mitgeteilt, dass dieser nur für Palästinenser sei. Ich steige zurück ins Taxi und werde zu einem anderen Grenzort gefahren. Vor einem mit Kameras und Stacheldraht ausgestatteten Tor hält das Taxi. Mitten im Nirgendwo. Hinter dem Gitter wehen zwei israelische Flaggen. Einige hundert Meter links von mir ist ein geöffnetes Tor zu sehen. Zwischen mir und dem Tor befinden sich ein bewachsener Hang und ein hoher Gitterzaun. Eine Straße führt drum herum. Zwei Soldaten kommen zu mir und bleiben auf der anderen Seite des geschlossenen Tores stehen. Durch das Gitter fragen sie mich, woher ich sei und nach meinem Pass. Sie sagen mir, dass ich das andere Tor nehmen müsse. Ich entscheide mich für den Hügel und gegen den Zaun. Ich folge also der Straße, wandere den Hügel hinauf, bis ich auf die Grenzstraße komme. Dazu klettere ich mit meinen zwei Rucksäcken zwischen Büschen und Bäumen über einige Felsen. Als ich zur Grenzkontrolle am offenen Tor gelange, sagt mir der Soldat, ich müsse die Grenze in einem Fahrzeug überqueren. Zu Fuß sei der Grenzübertritt untersagt. Am Straßenrand stelle ich meine Rucksäcke ab und strecke den vorbeifahrenden Autos meinen Daumen entgegen. Nach kurzer Zeit hält eines an und ein junger Mann öffnet das Fenster. Ich sage ihm, dass ich über die Grenze und in Richtung Netanya oder Haifa wolle. Ich steige ein und wir fahren über die Grenze.

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Wenn Ihr Euch für meine Reise durch Nahost interessiert, lest doch auch meine Blogeinträge zu Jordanien und Israel!



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