Travel and Sustainability Blog

Israel ist ein orangenes Land

Israel ist ein orangenes Land

Per Anhalter raus aus Palästina

Die israelischen Soldaten hinter dem Ende des Westjordanlandes lassen mich nur in einem Fahrzeug über die Grenze nach Israel. Ich strecke den vorbeifahrenden Autos meinen Daumen entgegen. Schon nach kurzer Zeit hält ein Wagen und ein junger Mann öffnet das Fenster. Ich sage ihm, dass ich über die Grenze und dann weiter nach Netanya oder Haifa wolle. Ob ich einen Pass hätte? Ja. Ich steige ein und wir fahren über die Grenze. Der Fremde stellt sich mir als Nadim vor. Er lebt in Palästina, besitzt aber auch die israelische Staatsbürgerschaft. Er erzählt mir, wie sehr er sich Frieden wünscht und lädt mich in sein Haus in Tul Karm ein. Vielleicht beim nächsten Mal. Er kauft uns beiden Kaffee an der Tankstelle und setzt mich an Netanyas Hauptbahnhof ab.

Das Lied zu dieser Reise: Habanot Nechama – Hakol Kashura
IMG_7137

Illegale Unterkunft auf einer Militärbasis

Von Netanyas Hauptbahnhof aus nehme ich einen Zug nach Haifa, wo mich Hagar in ihrer Militäruniform abholt. Hagar kenne ich bereits von einer früheren Reise nach Israel. Damals durfte ich für ein paar Tage bei ihrer Familie in Jerusalem unterkommen. Nun lebt Hagar schon seit zwei Jahren in einer Militärbasis in Haifa, in der sie mit Jugendlichen arbeitet. Ich darf mich nicht von den Offizieren entdecken lassen, erklärt sie. Denn obwohl sie in ihrem Wehrdienst nur soziale Jugendarbeit leiste, sei dieser Ort hier immer noch militärisches Gebiet und Fremden daher der Zutritt untersagt.
Nach einem leckeren Salat in ihrem abgelegenen Häuschen fahren Hagar und ich in die Stadt. Sie zeigt mir die deutsche Kolonie, von der aus man einen fantastischen Blick hinauf in die Bahai-Gärten hat. In einem alternativen Studentenviertel unten am Wasser essen wir ein Eis und ich verschicke meine Postkarten.

IMG_7139

Helikopter über dem Meer

Anschließend fahren wir zurück in ihre Basis, um von dort zum Strand hinunterzulaufen. Vom Strand aus sehe ich die Stadt am Hang, hinter dem Strand verlaufen eine Bahnlinie und eine Hauptstraße. Über unseren Köpfen kreisen unentwegt Militärhelikopter. Hagar sagt, das täten sie immer, aber wenn etwas schlimmes passiere, flögen sie die gesamte Nacht. Sie erzählt mir auch, dass viele ihrer Freunde im letzten Jahr in Gaza stationiert waren und drei von ihnen dort ihr Leben ließen. Sie sagt, sie hoffe, dass hier eines Tages wieder Frieden herrsche. Wenn sie könnte, würde sie gerne Flüchtlingen aus Syrien und Irak helfen. Sie erzählt, dass ihr Freund für drei Wochen in Gaza gekämpft hat und er währenddessen keine Möglichkeit hatte, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Schlaflose Nächte für Hagar. Er überlebte. Sie zeigt mir Fotos ihrer gefallenen Freunde. Junge Menschen, wie ich. In den schlimmsten Zeiten schliefen sie mit Hut und Mantel, um bei heulenden Sirenen sofort in den Schutzraum zu rennen, sich vor Granaten und Bomben zu schützen. Hagar spielt mir hebräische Lieder auf der Gitarre vor, zeigt mir eine Sängerin auf ihrem Handy, die auf hebräisch und arabisch abwechselnd singt. Sie sagt, ihr Traum ist es, nach Jordanien reisen zu dürfen. Der Kontrast zwischen dem glitzernden Meer im Sonnenuntergang und dem Lärm der Militärhubschrauber, Autos und Züge verstört mich, nicht zuletzt, weil mir die Gesichter von Hagars toten Freunden im Kopf bleiben. Dieser Konflikt, dieser Krieg ist für niemanden gut. Er ist höchstens eine Genugtuung für Geisteskranke wie den Israeli, der laut den heutigen Nachrichten ein palästinensisches Haus in Brand gesteckt und damit eine Familie ausgelöscht haben soll. Die Nachrichten sehen Hagar und ich, als wir zurück in ihrer Basis sind. Sie sagt, dass es ihr weh tut, von israelischen Terroristen zu hören.

Holocaustüberlebende

Wir kochen zusammen. Dann kommt ihr Kollege Tomer zu Besuch um sein Deutsch mit mir zu üben. Er erzählt mir von seiner Großmutter, die beide Weltkriege durchgestanden hat, als deutsche Jüdin. Dann ist sie nach Israel ausgewandert, mit ihrem Mann, einem holländischen Arzt. Er half ihr bei der Flucht aus einem Konzentrationslager. Tomer wurde von seiner Oma großgezogen. Er ist sehr sympathisch und liebt seine Arbeit als Mathematiklehrer.

Schlechter Schlaf in eine orangene Nacht hinein

Heute fliegen die Hubschrauber die ganze Nacht. Ich höre sie ständig kreisen. Vielleicht aus Angst vor einer Rache für die getötete Palästinenserfamilie? Ich verstehe davon wahrscheinlich viel zu wenig. Zur Geräuschkulisse zirpender Grillen, vorbei rasender Züge und kreisender Helikopter versuche ich zu schlafen.

IMG_7138

Die Komplementärfarbe zu Blau

Ich erwache von der glühenden Hitze in meinem Zimmer auf Hagars Militärbasis. Als ich meine Augen aufschlage, nehme ich wahr, dass etwas anders ist als an normalen Tagen: Alles ist orange. Das Licht ist orange. Als ich aus der Tür sehe scheint der Himmel gelborange bedeckt. Auch Hagar wundert sich über das alles umhüllende Orange.

Die Bahai Gärten

Nach einem Frühstück macht sie sich zum letzten Mal auf den Weg raus aus ihrer Militärbasis. Es ist ihr letzter Tag in dieser Uniform. Sie sagt, sie hasst die Armee, und doch ist sie traurig, das Internat, an dem sie ihren Dienst geleistet hat, zu verlassen. Beinahe weint sie, als sie sich von ihrer Mitbewohnerin Vica verabschiedet. Wir nehmen den Bus zum Hauptbahnhof, von wo aus Hagar den Zug nach Jerusalem nimmt und ich mit der U-Bahn zu den Bahai-Gärten fahre. Dort gibt es heute eine geführte Tour umsonst. Als ich oben ankomme staune ich nicht über die Schönheit der spießig piekfein angerichteten Gärten, sondern darüber, dass man vor lauter gelboranger Wolken nicht mal zum Meer sehen kann. Haifas Luft gleicht heute der chinesischer Großstädte. Der Tourguide erzählt, dass die Bahai-Gärten nur mithilfe von Spenden der Bahai-Mitglieder errichtet wurden. Im Schrein liegen die sterblichen Überreste ihres Begründers. Er wurde von der muslimischen Autorität seines Lands zum Tode verurteilt. Die Bahaireligion steht für Einheit. Einheit der Religionen, Gleichwertigkeit der Geschlechter und Anerkennung aller Propheten – Von Mohammed über Jesus bis hin zu Buddha. Der Glaube der Bahai überschneidet sich in vielen Punkten mit meinem.

IMG_7113

Syrischer Wüstensturm

Nach der Führung ziehe ich mit der Mexikanerin Patricia durch Haifas Straßen. Wir besuchen einen Obstmarkt, essen Falafel. Dann fahren wir runter in die Unterstadt und besuchen ein paar kreative Orte. Die kleinen künstlerischen Geschäfte begeistern mich. Haifa ist eine schöne Hafenstadt voller bunter Streetart. Den Abend verbringe ich alleine in Hagars Militärbasis damit, nach Couchsurfing-Hosts in Jerusalem zu suchen. Ich bekomme direkt mehrere Zusagen. Als ich Vica in der Küche treffe, erklärt sie mir, dass die orangenen Wolken Wüstensand aus Syrien seien. Der Himmel sieht nach wie vor faszinierend aus. Die Sonne leuchtet als hellgelbe Kugel hindurch, der Mond ist später kaum zu erahnen.

IMG_7151

Tel Aviv ist eine Seifenblase

Am Morgen muss ich die Militärbasis früh verlassen, da sich eine Offizierin zur Zimmerkontrolle angekündigt hat. Mit dem Minibus fahre ich zu Haifas Hauptbahnhof, um von dort den nächsten Zug nach Tel Aviv zu nehmen. Im Zug spricht mich eine Frau mit tollen dunkelblonden Locken an. Sie erzählt mir, dass Tel Aviv wie eine „Bubble“ sei, eine bunte Seifenblase im Staub des Nahen Ostens. Eigentlich habe ich vor, nur für einen Tag in Tel Aviv zu bleiben. Die Großstadt mit ihren Wolkenkratzern interessiert mich nicht so sehr, denke ich. Viel aufregender finde ich eigentlich den Zusammenprall der Religionen in Jerusalem. Die Frau mit den Locken bereitet mich ein wenig auf die große Wundertüte Tel Aviv vor.

Ausnahmezustand in Tel Aviv

An einem der vielen Bahnhöfe der israelischen Hauptstadt steige ich aus. Auch Tel Aviv ist orange. Zwischen sandsturmbedingt unsichtbaren Wolkenkratzern laufe ich bis zum Millenium Tower, vorbei an modern und stilvoll gekleideten Menschen. Sie alle tragen Atemmasken auf Mund und Nase. Im Millenium Tower arbeitet Amit, mein Gastgeber von Couchsurfing für die kommende Nacht. Er kommt runter auf die Straße und nimmt mir meinen Rucksack ab.

Tel Aviv lebt von Geschichte

Von der Dizzengoff Mall aus starte ich einen Rundgang durch die Stadt. Ich sehe den Platz, an dem der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin 1995 erschossen wurde. Seine Anhänger sprühten spontan Graffitis an die Mauern der Stadt. Diese Bilder sind heute geschützt hinter Glasscheiben zu bewundern. Rabin stand für den Friedensprozess des Landes und bis heute trauern viele Menschen in Tel Aviv um ihn. Mit ihm scheint auch die Friedensverhandlung gestorben zu sein.

IMG_6130

Schöne Menschen, schöne Architektur, schöne Gassen, schöne Läden

Ich flaniere die Dizzengoff und die Sheinkin Street entlang. Wunderschön gekleidete Menschen kreuzen meinen Weg, bunte Graffitis mit friedlichen Botschaften schmücken die Hauswände. Ich esse eine vegane Shawarma. Anschließend spaziere ich über einen Markt voller himmlischer Düfte. Entlang der Promenade und des Strandes laufe ich nach Jaffa. Die kleine Hafenaltstadt Tel Avivs liegt am südlichen Ende der Stadt. In den hübschen urigen Gassen reihen sich Galerien und Kunsthandwerksgeschäfte aneinander. Die Besitzerin eines Schmuckgeschäftes lädt mich zum Essen ein. Sie kommt aus Rumänien und ihre Töchter leben in Deutschland. Als die Sonne beginnt unterzugehen, laufe ich am Strand zurück in Richtung Norden. Die Türme Tel Avivs leuchten im Dunkeln und spiegeln sich auf dem Wasser, in dem die Sonne versinkt. Ich biege in einer der Straßen ab, um zu Amits Haus zu gelangen. Das Straßenbild ist geprägt von quadratischen Bauhäusern. Eine sehr schöne Architektur, modern und klassisch.

IMG_6131

Nightlife in Tel Aviv

Amits Wohnung liegt in einem der Bauhäuser. Sie ist sehr schlicht und stilvoll eingerichtet. Als ich Amit am Abend dort zum zweiten Mal begegne, sieht er anders aus als am Morgen. In seinem Business-Outfit wirkte er so erwachsen. Nun steht ein stylischer junger Mann mit Nasenpiercing vor mir. Ich denke mir, dass es faszinierend ist, wieviel die Kleidung eines Menschen an seiner Ausstrahlung ändern kann. Nach einem Glas Wein gehen wir gemeinsam essen. Anschließend nimmt mich Amit mit in mehrere Clubs auf dem Rothschild Boulevard. Stilvolle Bars mit guter Technomusik. Leider sind sie alle ziemlich leer, denn bei dem heißen sandigen Wetter geht niemand freiwillig aus dem Haus. Amit erzählt mir, dass regelmäßig DJ’s aus dem Berghain nach Tel Aviv kämen um hier aufzulegen. Er ist ein bisschen enttäuscht, dass er mir wegen des Sandsturms nicht das pulsierende Nachtleben Tel Avivs präsentieren kann.

Ich verstehe bei einem Bier die Gründe für den Nahost-Konflikt

Wir unterhalten uns im Außenbereich einer Bar auch über den Israelisch-Palästinensischen Konflikt. Amit erzählt mir, dass er einige arabische Freunde hat. Ich erzähle ihm von meinen Erfahrungen mit Samirs Familie in Palästina und von meiner Zeit in Jordanien. Er erklärt mir, wieso so viele Israelis mit den militärischen Kriegseinsätzen einverstanden sind: Jeder erwachsene Israeli hat schon mindestens einen Krieg miterlebt, beginnend mit den Holocaust-Überlebenden. Sie kennen das Gefühl, dass jemand ihnen ihr Land nehmen möchte. Die letzte Station unseres Abends ist eine Tanzbar, in der Reggae Musik läuft. Wir tanzen, um den Kreis zu durchbrechen, in dem die anderen Leute stehen und tanzen. Ich schlafe auf dem Sofa im Wohnzimmer. Am nächsten Morgen lädt Amit mich dazu ein, ihn am Freitag auf die Hochzeit eines Freundes zu begleiten.

IMG_6156

Die heilige Stadt

Als Amit am nächsten Morgen seine Wohnung verlässt, stehe ich auf und mache mich fertig. Heute ist der Himmel nicht mehr orange. Ich lasse meinen großen Rucksack in Tel Aviv und nehme den nächsten Bus nach Jerusalem. Jerusalem! Die heilige Stadt. Meine Faszination hat sie schon lange. Mit mir im Bus sitzen – wie überall in Israel – viele Soldaten. Ich verschlafe die Fahrt. Mit der Straßenbahn fahre ich direkt an die Altstadtmauern Jerusalems heran. Durch das Damaskus Gate betrete ich die Jahrtausende alte, fest ummauerte Stadt. Auf der Suche nach der Klagemauer lerne ich zwei Männer aus Amsterdam kennen, Dave und Ryan. Sie wollen alle für Touristen wertvollen Orte schnell abklappern. Sie laden mich zum Mittag auf eine Falafel ein. Leider ist es uns nicht gestattet, den Platz vor der Blauen Moschee zu betreten, da Donnerstag ist. Der Platz ist während des muslimischen Wochenendes für Nicht-Muslime gesperrt.

IMG_7214

Sitzt der Frieden in der Klagemauer?

Die Klagemauer ist nur wenige Meter von der Blauen Moschee entfernt. Der Teil, in welchem Männer an sie herantreten dürfen, ist mehr als doppelt so groß wie jener, in welchem Frauen an die Mauer treten dürfen. Ich trete langsam an die Mauer heran. Rückwärts gehende Frauen, die ihren Blick nicht von der Mauer nehmen möchten, kommen mir entgegen. Aus meinem Tagebuch reiße ich eine Seite heraus und beschrifte sie mit meinem Gebet. Meinem Wunsch. Ich nähere mich der Mauer weiter. Betende, weinende, sich wiegende Menschen fassen die glatt berührte Mauer an. Vorsichtig stecke ich meinen Wunsch tief in eine ihrer Ritzen. Die gesamte Mauer ist voll mit diesen Zettelchen. Die Wünsche und Gebete tausender Menschen dieser Welt sammeln sich an diesem Ort. In etwa drei Metern Höhe nistet eine weiße Taube in der Mauer. Was für ein schönes Symbol, denke ich. Ich berühre vorsichtig die Mauer und spreche dabei mein Gebet. Langsam gehe ich rückwärts zurück zum Ausgang. Es ist nicht gestattet, der Klagemauer den Rücken zuzukehren. Hoffentlich wird mein Gebet erhört, mein Wunsch wahr.

IMG_7205

Gebet für Anton in der Grabeskirche

Von der Klagemauer aus gehe ich weiter zur Grabeskirche Jesu. Ein gigantischer Bau aus kühlendem Stein, der von orientalischen Hängelaternen schwach beleuchtet wird. Betende Menschen berühren den Salbungsstein am Eingang der Kapelle. Hier soll Jesus Leichnam für die Bestattung vorbereitet worden sein. Eine Frau zeigt dem Stein alle Fotos auf ihrem Smartphone, vermutlich sind es Bilder von ihrer Familie. Eine andere Frau verteilt hölzerne Kreuze auf dem Stein, um sie anschließend wieder einzupacken. Nonnen in schwarz-weißen Trachten und mit knallroten Kreuzen auf der Brust unterhalten sich aufgeregt. Rechts vom Eingang führt mich eine Treppe hinauf zum Kalvarienberg. Hier soll Jesu gekreuzigt worden sein. Unter dem Altar lässt sich der Stein, in den das Kreuz geschlagen wurde, berühren. Auch er ist durch Millionen von Händen glatt geschliffen, wie die Klagemauer. Links vom Eingang steht in der Kirche eine kleine Kapelle. Hier soll Jesus begraben und wieder auferstanden sein. Der Stein, der seine Tür verschlossen hielt, ist hier noch immer aufbewahrt. Ich setze mich. Neben mir sitzt eine alte israelische Frau. Sie beginnt, mir über Jesus Leidensweg zu berichten. Sie bittet mich, für ihren Bruder Anton zu beten. Er sei verschwunden und niemand wisse, wo er sei. Ich bete mir ihr für Anton.

IMG_7219

Rastafari in Jerusalem

Als ich aus der Grabeskirche trete, beginnt die Dämmerung. Ich verabschiede mich von den Amsterdamern und laufe durch die wuseligen Gassen in Richtung Jaffa Gate. Menschen aller Religionen in verschiedensten Trachten und Kutten, mit Hüten, Kippas, Bärten und Locken kommen mir auf diesem Weg entgegen. Mit meinem Kissen im Arm fühle ich mich dabei wie in einem abstrusen Traum. Die meisten Geschäfte schließen gerade. Die Atmosphäre wird immer ruhiger. Heute Nacht wird Yali mein Gastgeber sein. Ich kenne ihn noch nicht, aber habe über Couchsurfing zu ihm Kontakt aufgenommen. Der Weg zu seiner Wohnung führt mich an etlichen Bars und Restaurants vorbei durch Jerusalems Neustadt. In Yalis Wohnung angekommen öffnet mir lächelnd ein nur in Boxershorts gekleideter Rastafari die Tür. Yali erweist sich sofort als sehr freundliche Person und hat sogar ein Abendessen für mich vorbereitet. Er erzählt mir, dass er für drei Jahre in Hamburg im Schanzenviertel gelebt und seine Zeit dort sehr genossen habe. Neben israelischer Musik zeigt er mir auch einen Werbefilm für Hamburg.

Kontrastreiches Jerusalem

Gemeinsam ziehen wir los in die Bar Cactus 69, die sein Freund vor einiger Zeit eröffnet hat. Es läuft guter Techno und zum Bier gibt es ein paar Tüten israelische Lammwolle. Die Bar ist ziemlich stylisch eingerichtet. Das ganze hier hätte ich Jerusalem nicht zugetraut. Wunderschöne Graffitis schmücken die Straßen auf unserem Heimweg. Modern aussehende Menschen laufen neben traditionell gekleidete, orthodoxe Juden mit Kippa, Hut, Schläfenlocken, neben Frauen mit Kopftüchern, langen Röcken, und neben Touristen. Ich schlafe auf der Couch. Aus Yalis Fenster sieht man die Altstadt leuchten. Am Sonntag wird das jüdische Neujahr sein. An Yalis Wänden hängen Sonnentücher, Bob Marley Poster und Zitate. One Love. Ich fühle mich an meine Zeit in Nicaragua erinnert.

IMG_7186

Geisterstadt

Wegen der Hitze wache ich früh auf. Yali ist verkatert und möchte deshalb nicht mit in die Altstadt kommen. Ich gehe auf einen nahe gelegenen Markt. Dort frühstücke ich irgendein süßes Gebäck. Um mich herum kaufen alle für die kommenden Feiertage ein. Heute Nachmittag beginnt der Shabat und dauert bis zum morgigen Sonnenuntergang an. Am Sonntag dann ist ab dem Nachmittag erneut ein Feiertag. denn das neue Jahr wird beginnen. Es werden viele Süßigkeiten, Früchte, Gemüse, Gewürze, Fisch und Fleisch angeboten. Die Menschen auf diesem Markt sind alle sehr traditionell gekleidet. Vom Markt aus nehme ich die Straßenbahn in die Altstadt. Durch das Jaffa Gate betrete ich erneut die uralten Gassen. Heute sind mehr Touristen unterwegs, mehr Geschäfte geöffnet als gestern. Das liegt wohl daran, dass nun weniger Wüstenstaub in der Luft liegt. Noch einmal gehe ich zur Klagemauer, spreche ein weiteres Gebet. Diese geballten Emotionen, die hier in der Luft liegen und in der Wand stecken, berühren mich. In der Mauer, vor der ich stehe, stecken aufgeschrieben die Hoffnungen, Sorgen, Wünsche und Gebete vieler tausender Menschen. Auf den Basaren kaufe ich Mitbringsel für meine Freunde und Familie. Als ich durch das muslimische Viertel laufe, rufen die Imame aus den Minaretten zum Mittagsgebet. Innerhalb weniger Minuten werden die Gassen leergefegt. Sie gleichen denen einer Geisterstadt. Die meisten Geschäfte verriegeln ihre Türen, manche legen bloß einen Holzstab wie eine Schranke in den Eingang. Das ist Gottvertrauen.

IMG_7216

Zurück in der Grabeskirche: Ist Anton wieder aufgetaucht?

Vom muslimischen Viertel gelange ich in das christliche. Noch einmal gehe ich in die Grabeskirche, um in dieser hoffnungsvollen Atmosphäre zu beten. Ob Anton wohl zurück ist? Später verlasse ich durch das Jaffa Gate wieder die Altstadt und laufe zur Malina Mall. Dort treffe ich Rami, einen anderen Couchsurfer aus Jerusalem. Er hatte mir angeboten, mir die Stadt zu zeigen. Leider reicht die Zeit nun nur noch für ein gemeinsames Mittagessen. Beim Falafel-Essen erzählt Rami mir, dass er nächste Woche für zehn Tage nach Amsterdam fährt. Ich schlage ihm vor, einen Abstecher nach Hamburg zu machen. Er will es sich überlegen. Mit seinem Auto fährt Rami mich bis zum Bushof. Von dort fahre ich zurück nach Tel Aviv in einem Minibus, denn die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht mehr – der Shabat hat begonnen. Der Samstag ist hier so heilig, dass wirklich die ganze Stadt still steht. In den meisten Gebäuden werden sogar die Fahrstühle ausgeschaltet.

Hochzeit im weißen Badeanzug

Von der Dizzengoff Street in Tel Aviv laufe ich zurück zu Amits Wohnung. Wir trinken Kaffee, packen unsere Badesachen ein. Dann fahren wir los in Richtung Haifa, wo die Hochzeit seines Freundes stattfinden wird. Auf dem Weg verfahren wir uns ständig. Ein versteckter Sandweg führt zuletzt an den Strand, an dem die Partyzelte aufgebaut sind. Ich lerne das Hochzeitspaar und viele andere sehr sympathische Menschen kennen. Die Braut trägt ein wunderschönes transparentweißes Hochzeitskleid und darunter einen weißen Badeanzug. Es gibt viel zu essen, israelisches Fingerfood und köstliche Cocktails. Der DJ spielt einen bunten Mix aus arabischer und hebräischer Musik, den Charts der letzten Jahrzehnte, Oldies, zwischendurch Electro. Je betrunkener ich werde, desto besser gefällt mir die Musik. Die ganze Nacht lang tanze ich, gehe schwimmen, tanze, schwimme. Es ist eine herrliche Atmosphäre. Alle sind fröhlich. Die Braut zieht sich vor jedem Bad ihr Kleid aus, schwimmt in ihrem traumhaften weißen Badeanzug und wirft sich anschließend wieder ihr Kleid über. Kurz vor dem Sonnenaufgang lege ich mich mit meinem Schlafsack auf einer der Matratzen schlafen. Kurz nach dem Sonnenaufgang erwache ich von dicken Fliegen, die sich auf meinem Gesicht niederlassen. Ich bin immer noch betrunken.

IMG_6216

Freundschaft, Liebe, Explosionen

Mit meiner Hand verscheuche ich die Fliegen aus meinem Gesicht und gehe zurück ins Wasser. Mein Körper ist voller Sand. Das Wasser hat sich beruhigt. Vergangene Nacht war die Brandung des Meeres so stark, dass ich mich nicht alleine ins Wasser getraut habe. Durch das abgekühlte Wasser nüchtere ich aus. Während ich mich fröhlich im Wasser mit anderen Hochzeitsgästen unterhalte, höre ich auf einmal mehrere laute Knalle. Sie sind so laut, dass ich dieses Geräusch nicht zuzuordnen weiß. Amit erzählt mir, dass in der Nähe dieses Strandes ein Militärübungsgelände mit einem Sprengplatz sei. Das seien wohl Sprengsatztests gewesen, vielleicht Bomben oder Granaten. Nur Übungen, kein Grund zur Sorge. Der Kontrast aus fröhlichem Liebesfest und todbringenden Militärübungen verwirrt mich dennoch zutiefst. Ich hänge noch lange in Gedanken den Explosionen nach, die mich aus meiner hochzeitsverträumten Fröhlichkeit rissen.

Reliquien anderer Couchsurfer

Noch vorm Frühstück fahren Amit und ich zurück nach Tel Aviv, denn er fliegt heute Abend nach Berlin. Als wir ankommen lädt er mich auf ein Avocado-Sandwich zum Frühstück ein. Stolz erzählt er mir, dass im Garten seiner Eltern vier Avocadobäume stehen, als ich ihm sage, dass ich Avocados liebe. Was für ein Traum! Ich werde neidisch. Total erschöpft legen Amit und ich nach dem Frühstück die Beine auf seinem Wohnzimmertisch hoch und ruhen uns einige Stunden aus. Währenddessen zeige ich ihm die Fotos meiner Reise. Er zeigt mir seine Kippa und erzählt, eine Couchsurferin habe sie ihm geschenkt, damit sie zusammen in die Synagoge gehen konnten. Mit weiteren Dingen, die Couchsurfer bei ihm vergessen haben, fangen wir an, uns albern zu verkleiden. Liegt wohl an Müdigkeit und Kater.

IMG_7180

Izaac öffnet mir die Wundertüte Tel Aviv

Als Amit zum Flughafen fährt, lerne ich seinen Mitbewohner kennen. Anschließend gehe ich einen veganen Burger auf der King George Street essen. Von dort laufe ich hinunter zum Strand. Stundenlang sitze ich auf einem Strandstuhl, beobachte den Sonnenuntergang und schreibe Tagebuch. Während ich hier sitze, sprechen mich nacheinander mehrere Jungs an, die am Abend gerne mit mir ausgehen würden. Israelis flirten offenbar gerne. Ich lehne dankend ab und sage jedem, ich wolle gerade eigentlich meine Ruhe haben. Auf einmal steht ein obdachloser Mann vor mir. Er sagt etwas auf hebräisch, was ich nicht verstehe. Auf meine Nachfrage, ob er Englisch spreche, sagt er: „This is historical“. Ich frage ihn, was er historisch finde. Dass hier ein junger Mensch mit Stift und Papier am Strand sitze und schreibe. Das gäbe es heutzutage nicht mehr. Alle würden nur noch auf ihre Smartphones sehen. Ich erkläre ihm, dass ich Tagebuch schreiben würde und auch, dass das hier mein letzter Tag in Israel sei. Er stellt sich mir als Izaac vor. Izaac fragt mich, wo ich überall in Israel war und erzählt mir, dass er gerne in der Natur lebe und schon in Thailand und Jordanien gewesen sei. Als mein Strandstuhl von den Strandwärtern weggeräumt wird, bietet Izaac mir seinen eigenen an. Kurz darauf bittet er mir, mit ihm zu gehen, er wolle mir den Hafen zeigen. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Platz vorbei, auf dem etwa fünfzig Menschen miteinander zu israelischer Musik tanzen. Es ist wunderschön anzusehen, die Musik klingt besonders. Die tanzenden Menschen sehen alle sehr glücklich aus. Einige sind besser, andere weniger begabt. Ein älterer Herr, bestimmt schon siebzig oder achtzig, beherrscht alle Schritte und Figuren des Tanzes so perfekt, dass er die Tanzlehrerin durch die Lüfte zu schleudern vermag. Dazu lächelt er so breit, dass ich mitlachen muss. Der Mann zwinkert schelmisch, klatscht und springt vor Freude ständig in die Luft. Izaac und ich sehen den Tänzern eine halbe Ewigkeit lang zu.

Das hässlichste Gebäude Tel Avivs

Anschließend will mein obdachloser Begleiter Izaac mir Tel Avivs hässlichstes Gebäude zeigen. Ich freue mich, denn bislang habe ich fast nur schöne Gebäude gesehen. Er führt mich zu einem wirklich potthässlicher Betonklotz mit kreisförmigem Restaurant auf einer Aussichtsplattform, von der aus man den Yachthafen sieht. Im untersten Teil des Gebäudes befindet sich ein Parkhaus.Vom hässlichsten Gebäude Tel Avivs gehen wir hinunter zum Yachthafen. Von den Stegen aus sehe ich die Hochhäuser Tel Avivs hinter dem Strand leuchtend in den Himmel ragen. Ihre Lichter spiegeln sich im Wasser. Diese Stadt fasziniert und begeistert mich. Ich liebe ihre Architektur, ihre Lichter, ihre Überraschungen, ihre herzlichen Menschen, ihre Clubs, ihr Meer. Tel Aviv ist eine pulsierende Wundertüte. Ich verabschiede mich von Izaac.

IMG_6243

Vertrauen

Zwischen Bau- und Hochhäusern laufe ich langsam zurück zu Amits Wohnung. Ich packe meinen Rucksack und denke mir, dass ich diese Stadt beinahe vermissen werde. Gleichzeitig freue ich mich aber auch auf Zuhause. Heute Nacht schlafe ich in Amits Bett, da eine andere Couchsurferin angekommen und nun auf meine Couch gezogen ist. Seine Geste, mich weiter in seiner Wohnung wohnen zu lassen, obwohl er verreist, zeugt von Vertrauen und Großzügigkeit.

IMG_6237

Abschied von Nahost

Da ich früh schlafen ging, wache ich an meinem letzten Tag der Reise noch vor meinem Wecker auf. Ich mache mich fertig, packe meine letzten Sachen, schreibe Amit und seinem Mitbewohner ein Dankeschön auf einen Notizzettel. Im Wohnzimmer treffe ich kurz die andere Couchsurferin. Sie beginnt in diesen Tagen ein Auslandssemester in Tel Aviv. Mit dem Bus fahre ich zum Flughafen. Ben Gurion ist ein gigantischer Airport. Am Ende der ersten Schlange auf dem Weg zum Check-In wird mein Pass kontrolliert. Der Sicherheitsbeamte stellt mir viele Fragen. Ob ich in Jordanien jemanden kenne? Um die Prozedur abzukürzen antworte ich: Nein, niemanden. Ich habe dort nur Touri-Urlaub am roten Meer gemacht, mir Petra angesehen und Wadi Rum. Ob ich in der Westbank war? Nein, da war ich nicht. Wo ich in Israel war, interessiert den Mann nicht. Nur, wie lange. Ich bekomme eine Nummer auf meinen Pass geklebt. Offenbar eine gute, denn ich habe fortlaufend keine großen Probleme bei der Ausreise. Ich checke ein, gehe zum Security Check. Alle technischen Gegenstände, Flüssigkeiten muss ich auspacken. Meine Schuhe, mein Rucksack, meine Technik und meine Flüssigkeiten werden mit einem extra Sprengstoffaufspürgerät getestet. Dieser Check dauert für jede Person ungefähr zehn Minuten. Währenddessen warten die anderen Passagiere hinter der Absperrlinie. Endlich bin ich durch und gehe zum Gate.

IMG_6251

One Night in Rome

In meinem Flieger sitzen fast nur Italiener, oder zumindest sind die Passagiere deutlich lauter als übliche Reisende. Es wird geschnattert, quer durchs Flugzeug geschrien. Nach vielen Turbulenzen landen wir endlich in Rom. Einen Kontrast bietet bereits die Passkontrolle. Der Mann hinterm Schalter ist so mit seinem Smartphone beschäftigt, dass ich mich räuspern muss, um von ihm bemerkt zu werden. Er öffnet meinen Pass ohne den Blick vom Handy zu nehmen und schiebt ihn mir direkt zurück. Willkommen zurück in Europa, denke ich, willkommen in Italien. Ich fahre zum Termini und laufe von dort zu Kianoosh‘ Wohnung. Da mein Anschlussflug nach Hamburg erst am kommenden frühen Morgen geht, habe ich mir bei Kianoosh eine Unterkunft für heute Nacht organisiert. Er kommt aus Teheran und lebt seit zwei Jahren in Rom. Gemeinsam mit seinen italienischen Mitbewohnern kochen wir Pasta mit Zucchini. Die zwei Mitbewohner sind echte Italiener: Zu jedem Gang gibt es einen anderen Wein oder Prosecco. Ich erzähle die Geschichten meiner Reise, Kianoosh bringt uns etwas Persisch bei. Das Essen wird mit viel Sorgfalt von Claudio zubereitet, er mag sich beim Kochen nicht helfen lassen. Es schmeckt fantastisch! Bella Italia! Für zwei Stunden gehe ich schlafen.

IMG_6258

Neues Europa

Um drei Uhr früh stehe ich schon wieder auf. Kianoosh begleitet mich zu Fuß zum Termini, von wo aus ich den Bus zum Flughafen nehmen werde. Am Bahnhof schlafen Flüchtlinge Seite an Seite. Ich erreiche den Fiumicino Airport und komme zügig durch die Sicherheitschecks. Den Flug nach Berlin verschlafe ich. Während der Gepäckausgabe erfrische ich mich im Bad. Mein Rucksack kommt nicht an. Er liegt noch in Rom. Eine ganze Gruppe Reisender vermisst ihr Gepäck aus Rom ebenfalls. Sie erzählen mir, es habe dort letzte Nacht eine Terrordrohung gegeben. Das ganze finde ich ironisch – da kehre ich aus einer von Terror und Bürgerkriegen geplagten Region zurück nach Europa und dann das. Während meiner Reise hat Europa historische Ereignisse erlebt – den Beginn der Flüchtlingswelle 2015. Während ich versuche, meinen Rucksack ausfindig zu machen, merke ich, dass ich sehr glücklich über meine Reise bin. Ich fühle, dass ich an ihr gewachsen bin. Ich war in den vergangenen vier Tagen in sechs verschiedenen Städten: Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, Rom, Berlin und Hamburg. In den vergangenen drei Wochen war ich in fünf Ländern: Jordanien, Palästina, Israel, Italien und Deutschland. Ohne Gepäck trete ich meine Fahrt nach Hamburg an. Während der gesamten Busfahrt berichtet das Radio über die Flüchtlingswelle und -politik.

Wenn Du Dich für meine Reise durch Nahost interessierst, lies doch auch meine Blogbeiträge zu Jordanien und Palästina



4 thoughts on “Israel ist ein orangenes Land”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.